|
Nervenklinik I
Grauer Nebel. Aus dem Garten der Ton Leiser Fontäne. Die Lichter abgedunkelt, Nacht. Ruhiger Atem. Dazwischen Die Seufzer.
Depressionen, Ängste, Verzweiflungen: Gedankenschwärme sammeln sich In dunklen Ecken.
„Christus bin ich mein Mund ist – oh – so trocken. Braun klingen Glocken. Ich liebe mich“
Die Einzelnen wälzen sich in den Betten Zusammen mit dem Schnarchen Gibt das eine Melodie. Vergitterte Fenster. An manchen Betten hohe Seitenwände. Anfall steht zu erwarten.
„Warum weckt mich niemand, ich falle! Die Spinne, die Spinne. Mein Arm ist eingefrohren, helft! Es ist doch lächerlich, dies zwölfte Auge.“
Der Nachtpfleger malt Leise summend ein Bild. Garmisch unter Föhnhimmel. Drinnen kann einer nicht schlafen. Er will gerne auf die Toilette. Kann nicht aufstehen, da er gefesselt ist!
„Wenn ich mich nur entsinnen könnte! Geliebte verzeih mir. Meine Frau lebt. Das Kind mit den drei Köpfen. Ach die Welt lohnt nicht zu leben.“
Der arme alte Mann lächelt, er spürt, dass der Finger, der operierte Mittelfinger wieder beweglich sein wird.
„Links zwei drei vier, Links… Mein Leben ist verpfuscht, die Mäuse… Das Abendrot will mich trinken… Oh Elend meiner Armut…“
Einer schnäuzt sich. Die Uhr tickt laut Der Atem Die Nacht wird bald vorüber sein.
Curd Michael Hockel 3.10.1965 (Entwürfe IV)
Nervenklinik II
Der andere Pfleger isst Käse, beim ersten war es Wurst. Die Nächte sind gleich. Ähnlich?
Dunkelheit und ein Schweigen: Betont durch das Übliche – Schnarchen, Röcheln, Stöhnen.
Einer kommt und hat Zahnschmerzen. Gib ihm eine Schlaftablette. Ruhe.
Droben sind Schritte. Schwere Station. Viel Krebs, Tumor und Tripper. Fast täglich „Exitus“. Das Leben Geht an der Klinik vorbei.
Oktoberfestgesänge Klingen nicht mehr herüber. Die Zelte sind abgebrochen.
Gott liegt in Bett 24 und Schnarcht. Der Admiral hat die Bettdecke Weggestrampelt. Die Schwester von Peter Kraus Pinkelt ins Bett.
Mein Leben: Spiegelglasscherben in den Augen Wahnsinniger.
Ein Lachen tropft vorbei an ihnen: Dort lag er Er hatte sich mit einem Taschenmesser, nach einem langen Gespräch über Blumenzucht den Bauch aufgeschnitten. Wurstwaren hingen heraus.
Und draußen Kastanien. Ab und zu Motorlärm. Benn lebte in Berlin. Selbst angeknackt von Depressionen. Librium hätte geholfen. Hilft immer. Wenn mann sich nicht schon umbrachte. Siehe oben.
Der Abendwind lässt sie fallen, Kastanienblätter. Das Becken des Brunnens wird rot davon, fließt über. Der Arzt sagt Noch vierzehn Tage Werden sie dableiben Dann können sie gehen. Die Mutter fragt täglich.
Unten ist auch eine schwere Station 7 Jahre als ist der Krebskranke, das Kind. Im ganzen Körper Metastasen am ganzen Körper bestrahlt. Krebs. Geißel der Menschheit? Nein, der Menschen!
Und die gleiche Nacht. Fast. Ein Exitus von Gestern ist nicht mehr dabei. Nach 14 Tagen kommt Die Überweisung Nach Haar: unheilbar, gefährlich.
Die Pfleger lesen Oder schreiben Gedichte. Gedichte die schön sind Und vom Glauben Der Liebe Den Blumen Handeln.
Gott schläft in Bett 24 Der Admiral schnarcht. Männerstation.
Curd Michael Hockel 4.10.1965 (Entwürfe IV)
Nervenklinik III
4 Uhr Minutenzähler. Ewigkeiten tropfen vom Kirchturm Gongend, klingend. Noch zwei Stunden, dann war’s ein viertel Jahr.
Die Gesichter haben gewechselt Die Augen auch Die Masken und Rollen Getauscht.
Draußen erwacht die Stadt. In meinem Blut Schlafen noch zwanzig Depressionen Zwei Syphilitiker Acht Schizophrene Und einige Bündel Neurosen.
Das alte Schattendasein. Ich glaube mich manchmal Selber nicht. Nicht mir Nicht mich.
Und der Atem geht regelmäßig Librium wirkt Oder Neurocil. Jedenfalls Drogen. Gezielt sollen sie Heilwirkung haben.
Der Arzt sagt es Achselzuckend.
Curd Michael Hockel 7.10.1965 (Entwürfe IV)
Nervenklinik IV
Diese Nebel. In den Augen Einiger Kranker Und über weiten Städten. Meine Finger zittern Vor Kälte Und Erschütterungen Die Erde dreht sich.
Wälder sind angesiedelt Dort draußen, wo die Menschen ins Grüne leben. Wälder auch in mir, aus Staunen Freuden Und Verwunderung.
Morgentrott ist Nebel In vielen Augen, müde Menschen gehen zur Arbeit und sind dabei manchmal fröhlich
Curd Michael Hockel 13.10.1965 (Entwürfe IV)
|
|