|
... Schönes (z.B. Blauer Reiter, Bilder von Hanfried Brenner ) ... Bewegt-bewegendes (z.B. Kinofilme) ... Entspannendes (z.B. Tatort oder "Die Kommissarin") ... Spannendes (z.B. "Lie to me" - eine Fernsehserie in welcher Forschungsergebnisse des Ausdruckspsychologen Paul Eckmann durch die Kunstfigur "Dr. Ligthman" als Kriminalfilme erzählt werden)
Mein aktueller Kinotipp (hier bespreche/ nenne ich jeweils den letzten positiv bewerteten Film):
Wie im Himmel
Was mag einst sein, wenn wir gestorben sind? Wer meint, dass der Tod nur ein Mysterium sei, ein Formenwechsel, wird anders darüber denken als jene, die in jüdisch-christlicher Tradition denken:
Ein Kind wird geschlagen von Kindern – offenkundig, weil das geschlagene Kind anders ist als die anderen: es liebt es leidenschaftlich Geigenvirtuosität zu entwickeln. So wie das Kind in den Magen geboxt wird würde ein Hollywoodfilm uns am Ende einer melodramatischen Geschichte offenbaren, dass alles was nach der Schlägerei war nur eine Denkmöglichkeit war, denn die grausame Wirklichkeit sei es gewesen, dass der virtuose Geigenknabe damals tot geschlagen wurde.
Dieser Film jedoch kommt nicht aus Hollywood – im Gegenteil er wurde für den Oskar des besten ausländischen Filmes vorgeschlagen. Das könnte weiter Verdacht erregen, dass es sich doch um ein eben Europäisches Kitschmärchen handele. Aber lassen wir die Verdächtigungen – was habe ich erlebt als ich diese Bilderfolge auf mich wirken ließ?
Der verprügelte Knabe wird von seiner Mutter, einer jungen, verständigen Witwe getröstet. Sie ziehen weg aus dem Ort der brutalen Kinder. Der Knabe wird Jugendlicher und ist an seinem 14ten Geburtstag so weit, dass er einen Tag erleben wird, den er niemals vergessen wird: er ist zu einem internationalen Wettbewerb eingeladen – und wird den Tag nie vergessen, da er aus dem Fenster zum Bus blickend mitbekommt, wie seine anreisende Glücks strahlende Mutter, die nur für ihn Augen hat – von einem Auto tot gefahren wird. Sehr viel später erfahren wir, dass sein Agent, ein Ersatzvater der guten Art, ihm damals einen neuen Namen gab, einen, der ihm, dem weltberühmten erfolgreichen Dirigenten erlaubt nach einem ersten Herzinfarkt aus aller Karriere auszusteigen und in dem Dorf seiner Kindheit das gekaufte Dorfschulhaus zu beziehen. Im tiefen schwedischen Winter.
Das Dorf der brutalen Kinder ist inzwischen zum Dorf der brutalen Erwachsenen geworden – was es wohl auch immer schon war, wie die meisten Dörfer. Und zugleich ist es das Dorf der heilen Idylle, wie die meisten Dörfer. Der Pastor begrüßt den Dirigenten in dem gekauften Schulhaus vor dem Bild der Engel und schenkt ihm eine Bibel – strahlt gottesfürchtige Redlichkeit aus und versucht zu signalisieren, dass hier die Welt ganz heil sei. Während draußen der verrückt brutale Truckfahrer, der auf der Anreise bereits das Leben des Taxifahrers und des Dirigenten mit aufs Spiel setzte als er Walzer mit dem Laster tanzte, das erste ermordet, was dem Dirigenten Freude machte: einen großen Schneehasen. Er schießt ihn mit der doppelläufigen Flinte des Pastors, die er für diesen reparierte.
Ein Allroundverkäufer sieht sich als den gesellschaftlichen Mittelpunkt des Kirchenchors – solange es eben keinen Kantor mehr gibt – und er versucht den weltberühmten Dirigenten der plötzlich aufgetaucht ist und mitten im Winter ein Fahrrad kaufen möchte, dazu zu bewegen ihm und seinem Chor Rückmeldung zu geben über ihre Gesangsqualitäten. Er ist der dritte Mensch, dem der Dirigent hier begegnet, die zweite war die weinende Lebensmittelverkäuferin, die sich zusammenreißt und fröhlich die schwerhörige Alte – von der wir später erfahren, dass sie auch im Chor singt – bedient und dann ihn. Sie schenkt ihm ein Los und gibt ihm eine Hörprobe ihrer Kunst mit – auch sie möchte Rückmeldung, gehört werden.
Der Dirigent wollte immer „Musik machen, die die Herzen öffnet“ – ein idealistisches Selbstverteidigungsprogramm eines geprügelten Knaben, eine Versöhnung mit dem Feind, eine Vision vom Guten im Menschen? Als er das erste Mal den Chor, das lebendige Herz des Dorfes hört, da sagt er ehrlich, ohne Diplomatie „da war viel Schönes“. Und wenig später ist er angekommen – er bewirbt sich um die vakante Stelle des Kantors und wird – auf Probe – genommen. So gehört die Pflege des Chores nun zu seinen Aufgaben. Und hier wird der Film einem meiner älteren Lieblingsfilme ähnlich. Wie in „Karate Kid“ der Meister seinen sehnsüchtigen Schüler lehrt, so führt dieser Dirigent nun – selbst fernmündlich beraten – die Singenden zu ihren Stimmen, besser zu ihrer Musik. Denn dies ist seine Botschaft: die Musik ist immer schon da, wir müssen sie nur holen.
Die Geschichte ist nun detailreich und ich kürze ab. Der Trucker prügelt seine Frau, der Pastor versteht die seinige nicht, sie liebt ihn leidenschaftlich und kennt schon lange seine Not mit der ungelebten Sinnlichkeit, der Dirigent beginnt in allen seinen Chormitgliedern das Singen und damit das Lieben zu entfalten. Der Trucker weint, wenn endlich seine Frau das schönste Lied in den Konzertsaal sing – und prügelt sie danach. Der Pastor erlebt sich als begehrender Mann und vernichtet dies indem er sich an Jesus wendet statt an seine glückliche Frau und der Dirigent wandert weiter als der naive Tor zwischen den ihn liebenden Menschen – noch immer in Angst vor dem Unbekannten – dem Lieben.
Wo wird die Musik geholt? Von Oben, aus dem Reich der Engel, von innen aus den Bäuchen. Die Enkelin des Engelmalers, die schöne junge Exgeliebte des Landarztes – von dem alle im Dorf wussten, dass er in der Stadt Frau und Kinder hatte und das junge Mädchen dennoch ahnungslos zu seiner Geliebten werden ließen ohne sie zu warnen und dafür später dann, wenn sie öfters wechselnde Freunde hat hässlich über sie reden – sie sieht die Engelsflügel an immer mehr Menschen – und auch am Dirigenten – der langsam anfängt Glück zu spüren.
Der Allroundverkäufer meldet den langsam seines Könnens sicher werdenden Chor bei einem Chorwettbebwerb an – und erntet die fassungslose Abwehr des Dirigenten: Was soll Konkurrenz in der Musik, was soll Konkurrenz zwischen singenden? Und als er sich durch die naive Frage der Ältesten, woher er denn wissen wolle, dass es für sie alle nicht gut sei in Mozarts Heimat zu fahren, bezwungen gibt, da kündigt er an, dass dann aber dort eine Musik zu hören sein müsse wie sie noch niemals erklungen ist. Er arbeitet weiter mit dem Chor und auch das grausame Leben der Gewalttätigen zieht seine weitere Spur. Er wird aus dem Kantorenposten und der Chorleitung enthoben wegen übler Gerüchte, die eine engbrüstige und eng brünstige Chorfrau dem danach gierenden Pastor zuraunt. Die Frau des Pastors spricht klare Worte über die Differenz zwischen Kirchlicher Macht und menschlichem Glauben und verzweifelt an ihrem Mann.
Der Chor bekennt sich zu seinem Dirigenten, der auch ohne Kantor zu sein das lebendige Gruppendasein der Singenden weiter zu entfalten vermag. Liebe blitzt hier auf zwischen ganz Alten, Kindheitsverletzungen des Fettwanstes werden ausgesprochen und damit heilbar, Integration des Behinderten der keine Gewalt aushält wird geschafft – Jugend gesellt sich hinzu, die Geschlagene wird mit ihren Kindern aufgefangen, die Pastorin zieht ins Schulhaus – immer mehr Details eines möglichen guten Lebens treten aus dem Grau des grausamen Dorfhintergrundes hervor. Schlicht und realistisch erzählt.
Schließlich sind sie in Innsbruck, der Dirigent wird von den schönen Frauen und der Presse als jener Mann von Weltruhm begrüßt, der er war bevor er sich ins Kindheitsdorf zurückzog. Und die liebende Fahrradlehrerin sieht, wie diese Schönen ihn umschwärmen und geht traurig davon. Er trifft seinen alt gewordenen Namensgeber, den Agenten, der ihn fragt, ob es ihm endlich gelungen sei die Musik zu machen, die er wollte – jene, die die Herzen öffne? Und so hört sich der Dirigent endlich sein Erkennen sagen im Bekennen – ja, denn nun arbeite er mit Menschen die nicht nur ihn liebten sondern die auch er liebe. Und wie er es allgemein ausspricht wird ihm klar dass er es aber vor allem auch konkret der einen Frau gegenüber meine, jener die seine Angst erkannt und geachtet hatte, die Engelssichtige. Und so geht er zu der traurig zurückgezogenen, bekennt sich, und liebend sind sie beisammen – sie spürt, dass sie von ihm empfangen hat und ihr Großvater noch einen Engel ins Schulhaus malen muss.
Der Dirigent hat alles gelernt was ihn das Leben lehren konnte - auch Fahrradfahren. Während der Chor sich auf die Bühne begibt ist er noch dabei Stadtrunden zu ziehen und kommt glücksverschwitzt und angestrengt zum Bühnenhaus – ein Schwächeanfall zwingt ihn in die Toilette, streckt ihn nieder und unter dem Lüftungsschacht verblutend hört er das Wunderbare: die Musik die noch nie gehört worden war – die Musik, die sein Chor ohne ihn aus sich gebiert, die Musik die alle die vielen anderen Chöre einlädt die Konkurrenz sein zu lassen und ein Miteinander zu leben und zu singen.
Wer diesen Film kitschig findet ist so engbrüstig wie die traurig einsame Petzschlange, ein Film für Menschen die zu lieben vermögen und den Mut haben sich dies einzugestehen. Ein Film für vereinte Nationen ebenso wie für alle die in sich nach dem suchen, was sie eigentlich ausmacht – ob dies Musik, Engelsflügel oder die Kinderkunst des Fahrradfahrens sein mag. CMH 18.2.2006
Weitere Filme die mich so stark berührten, daß ich einige Worte über sie verliere, waren:
A beautiful mind Der Untergang Dogville Heaven Schiffsmeldungen Taking sides - Der Fall Furtwängler Wir müssen zusammenhalten Hautnah
|
|